Das Problem heißt Rassismus: Erneute rassistisch motivierte Übergriffe in Erfurt

Vor einer Woche erhielten wir eine Email, in der sich eine Internationale Studierende der Summer School der Universität Erfurt, die ein Kopftuch trägt, Hilfe suchend an uns wendete weil ihr etwas Erschreckendes innerhalb ihrer ersten Stunden in Erfurt wiederfuhr.

Kurz nach ihrer Ankunft in Erfurt fragte sie am Anger nach dem Weg. Während ihr jemand den Weg erklärte, kam eine von der Betroffenen als ältere Frau beschriebene Person auf die beiden zu und schlug der um den Weg Fragenden mit voller Kraft auf die Schulter, sodass diese strauchelte und fast hinfiel. Die Täterin entfernte sich anschließend schnell ohne weitere Worte (der Entschuldigung). Die Betroffene fasste den Schlag als ein Versehen auf und ging weiter zur Straßenbahnhaltestelle, an der sie in die Bahn stieg.

An einer Haltestelle schlug eine komplett in schwarz gekleidete Person zweimal von draußen gewaltvoll gegen das Fenster zu dem Platz, an dem die betroffene Person saß.

Als sich die betroffene Person, an ihrem Ziel angekommen, einigermaßen wieder von den Angriffen erholte hatte, nahm sie ihren Mut zusammen und fuhr erneut in die Innenstadt um einige Einkäufe zu erledigen. Wiederum an einer Bahnhaltestelle wurde sie von einem Mann angestarrt, bis er schließlich auf sie zulief, um dicht vor ihr stehen zu bleiben. Er sagte aggressive folgende eindringliche Worte: „Sie sind alle zurückgezogen! Alle sind weg! Was machst du da?„.

Drei Angriffe physischer und verbaler Art innerhalb weniger Stunden. Passant*innen, die nicht eingriffen und halfen. Und eine betroffene Person, die als letzte Worte in ihre Email schrieb, dass sie Angst habe in die Innenstadt zu fahren, niemals wieder nach Erfurt kommen wolle und die Stadt mit traumatischen Erinnerungen verlasse.

Ihren Bericht zu den oben geschilderten Angriffen schickte sie ebenso an das Bürgermeister*innenamt sowie an die Staatskanzlei Erfurts. Sie bekam keine Antwort.

Warum schritten die Bürger*innen Erfurts an diesem Tag nicht ein? Sie hätten den*die Täter*innen spüren lassen können, dass deren Verhalten nicht erwünscht ist und es sich „nur um einen Einzelfall“ handelte, wie rassistisch motivierte Übergriffe so häufig in der Öffentlichkeit bagatellisiert werden. Schließlich ereignete sich all das tagsüber und auf belebten Plätzen.

Warum antwortete niemand aus dem Bürgermeister*innenamt, um der betroffenen Person zu zeigen, dass sie ernst genommen wird und, dass rassistisch motivierte Übergriffe ernst genommen werden.

Wir sprechen in Erfurt nicht von „Einzelfällen“, fast monatlich werden uns rassistisch motivierte Übergriffe gemeldet (die Dunkelziffer dürfte viel höher sein). Diese geschehen häufig vor den Augen von anderen Menschen, die durch ihre Ignoranz zustimmen.

Relevant ist jeder rassistisch motivierter Übergriff. Bagatellisierungen und Tatenlosigkeit verschlimmern die Situation in unserer Gesellschaft immer weiter. Auch deshalb stellte Petra Pau, Mitglied des Untersuchungsausschusses zu den NSU-Morden, als Bilanz der Untersuchungen fest: “Wenn wir nicht jenseits eines Untersuchungsausschusses gesellschaftliche Konsequenzen ziehen und deutlich sagen, dass das Problem in unserer Gesellschaft Rassismus heißt, dann kann das immer wieder geschehen. […]”(Quelle Dokumentarfilm „Staatsversagen“ der ARD).

Wir fordern daher die entsprechenden Bürger*innen, Institutionen und politischen Einrichtungen auch in Erfurt auf, das Problem klar beim Namen zu nennen. Wir sollten uns eingestehen, dass wir mit rassistischen Strukturen aufgewachsen sind und in einer rassistischen Gesellschaft leben. Rassismus steckt in den Köpfen vieler Menschen, auch in den Köpfen der politischen Akteure. Das Eingeständnis ist der erste Schritt auf dem aufgebaut werden muss, Taten müssen folgen.

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